Gründen zwischen Zechen: Das Ruhrgebiet entdeckt seine Startup-Szene

Wenn von deutschen Startup-Hochburgen die Rede ist, fallen Berlin und München — das Ruhrgebiet eher selten. Dabei wächst zwischen Duisburg und Dortmund seit Jahren eine Gründerszene heran, die zwar weniger glänzt, dafür aber auf einem Fundament steht, um das sie manche Hauptstadt-Gründung beneiden könnte.
Die harten Standortvorteile
Da ist zunächst die Dichte an Hochschulen: Kaum eine Region Europas bildet auf so engem Raum so viele junge Menschen aus — Ingenieure, Informatikerinnen, Betriebswirte. Dazu kommen Gewerbe- und Büroflächen zu Preisen, für die man in München allenfalls einen Kellerraum bekommt, oft in Industriedenkmälern mit Charakter: Alte Zechen- und Fabrikgebäude beherbergen heute Coworking-Spaces, Labore und Technologiezentren. Und schließlich die Nähe zur Industrie selbst — wer Lösungen für Logistik, Energie, Produktion oder Handwerk baut, findet seine Pilotkunden hier vor der Haustür statt auf Messen.
Eine Szene, die liefert statt pitcht
Die Mentalität der Region färbt auf ihre Gründungen ab. Statt der zehnten Lifestyle-App entstehen im Revier auffällig oft Unternehmen mit bodenständigen Geschäftsmodellen: Software für den Mittelstand, Industrietechnik, Gesundheits- und Logistiklösungen — Firmen, die früh Umsatz machen müssen und wollen, weil hier niemand Wachstum um jeden Preis finanziert. Was der Szene an Lautstärke fehlt, gleicht sie mit Überlebensquote aus.
Was noch fehlt
Perfekt ist die Lage nicht: Großes Wagniskapital bleibt seltener als in den Metropolen, und die Region ringt mit einem Imageproblem, das ihrer Realität um Jahre hinterherhinkt. Doch genau darin liegt für Gründer die Gelegenheit — an Standorten, die alle unterschätzen, sind Talente loyaler, Kosten niedriger und Kunden dankbarer. Das Revier hat den Strukturwandel nicht hinter sich; es hat gelernt, in ihm zu Hause zu sein. Bessere Startbedingungen für Leute, die anpacken, gibt es selten.